Um das »eigne Ich« zu beschreiben, das nicht »aussinnbar« ist, hat Hugo von Hofmannsthal das Bild des Hundes gewählt. 

 

Der Hund, der des Menschen vertrauter Gefährte und ein fremdes, stummes Geschöpf zugleich ist, wird zum Träger der befragten Identität. 

 

Das gezähmte, häuslich gemachte Tier, das ohne Ketten und Stäbe doch gefangene Tier: in ihm wird die Identität erkannt, die uns selbst als Geheimnis begegnet, sobald wir den Blick nach innen wenden.

 

Im Wandel, den das Zeitalter brachte, wandelte sich auch das Verhältnis der Menschen zu den Tieren, und ihr Blick auf sie. Gezähmt und scheinbar bezwungen, rücken sie auf vielerlei Weise näher. Die Haustierhaltung wie wir sie kennen verbreitet sich. Aus allen Gegenden der Welt werden Tiere in Zoologische Gärten geschifft, die kein höfischer Besitz lebender Kuriositäten – Fürstengeschenke aus sagenhaften Reichen – mehr sind, sondern Anschauungsort der bürgerlichen Weltbezwingung. 

 

Geschriebene, gemalte und Holz- und Stofftiere sind die Begleiter einer von der Erwachsenenwelt schützend abgeschirmten Kindheit. Und in der bildenden Kunst entstehen Bilder, auf denen das Tier eine Rolle einnimmt, die wie in Hofmannsthals Terzinen einen bemerkenswerten Zusammenhang mit dem Menschen-Ich entwickelt.

 

Im Tier die Spannungspole von Distanz und von Nähe zu erkennen, bedeutet ein Potenzial aufdecken, mit dem die Befragung von Identität, die Entdeckung ihrer Befragbarkeit überhaupt möglich wird.

 

»Identity« – das soll bei Whitman die Antwort auf die Lebensfrage sein, und gleichzeitig entstehen aus ihr, wie bei Hofmannsthal, immer tiefer weisende Fragen, die der menschliche Blick an seine Lebenswelt richten kann, in die er, vertraut und gewohnt, geworfen ist, und die ihm doch, in ihren Schrecken, in ihrer endgültigen Unbeherrschbarkeit, »unheimlich« fremd bleiben muss. 

 

Wenn Tiere in der Kunst des 19. Jahrhunderts zu Trägern von Identität werden, so bedeuten sie sie an der Schwelle von Gewusstem und Nichtgewussten. Sie sind von Beginn an mehr als ein Vergleich oder eine Metapher. In ihrer Darstellung reproduziert sich nicht nur ein Blick, der Raum für eine Projektion, für ein Sich-hineindenken lässt. Der Blick auf die Tiere, der den Blick auf uns selbst mit einer über unseren Verstand hinausgehenden – durch das »stumme« Wesen der Tiere bewirkten – Verschiebung spiegelt, führt zu einem Daseins-Bild, das über die trügerische Sicherheit unserer Ich-Bilder hinaus geht. Über das Zeigen oder Benennen hinaus – wie Bilder anderer Zeiten es tun, wenn zum Beispiel auf Tizians Familie Vendramin der Mensch ein Mensch und der Hund ein Hund ist – wird Dasein in der erfahrbaren Welt befragt, ihm wird kreatürliche Verletzbarkeit und die Unterworfenheit unter ein nicht »aussinnbares« Schicksal anerkannt. Eine Wirklichkeit, vor der uns das Bild, das wir von uns selbst konstruieren, nicht beschützen kann. 

 

Schließlich wächst in der Erkenntnis eines über unsere Begriffe hinaus- und in das Unbekannte hineinreichenden Daseins auch der Trost der Utopie, weil Begreifen immer wieder der wirkliche Beginn von Linderung ist. 

 

Der Trost, dass unser Leben weitreichender, prächtiger und mächtiger ist, als wir es begreifen, führt zu der Kraft einer utopischen Poesie, die das Leid mittragen kann, wie Bilder Goyas und Turners zeigen, auf denen Tiere ihren Platz als Protagonisten in der Landschaft der weiten Welt, wenn nicht in der Weite des Universums einnehmen.