Ein Gedicht Goethes las ich zum ersten Mal, als ich mit zwei Freunden von den Straßen und Kanälen Venedigs durch einen engen Hof und über dunkle Treppen in die Bibliothek des Istituto di Architettura fand. Es war Abend, wir waren in den schönen Räumen allein und stöberten. In einem Buch über die Kunst der Schrift waren Goethes zwei Strophen als Beispiel einer 50er-Jahre-Kalligrafie abgedruckt, und da das Buch sonst auf Italienisch war, und wir im Halbdunkel der Bibliothek in Venedig schon ein wenig aus dem Gang des wachen Lebens ausgetreten waren (tun sich nicht in Träumen hinter alten Mauern Bibliotheken auf?), prägten sich mir die deutschen Worte ein, als leuchteten sie.

 

Am nächsten Tag saß ich allein in einem Waggon des Münchner Zuges, der aus dem Bahnhof Santa Lucia und in den Abend hinein fuhr. Die untergehende Sonne neigte sich gleißend über die Lagune und tränkte die Fahrt in spätsommerliche Melancholie. Wenn in der Fremde Züge sacht anfahren, dass man es für einen Moment gar nicht bemerkt, und man noch im Waggon ganz allein ist, dann wird vielleicht ein älterer Raum des Gefühls, in dem sich Menschen früher oft fanden, nicht mehr überdeckt, man kann seine Weite wieder spüren. Und es kamen, während ich aus dem Fenster sah, Goethes Worte wie Begleiter zu mir, und ich folgte ihnen in einen Sinn, für den ich plötzlich offen war, und musste fast weinen.

 

Das ist mit Gedichten so, (und es ist mit Menschen doch ähnlich): wenn man für das, was sie einem zu sagen und zu geben haben, auch nur für einen Augenblick offen steht, dann strömen sie an die Stelle im Herzen, die sie auszufüllen gemacht sind. Und darin liegt das Wunder der Begegnung, das eines der Wunder des sterblichen Lebens ist: dass sich die Welt um den Augenblick ordnet, die Neugier uns in das unbekannte Haus führte, dort die Bibliothek war, das Gedicht in dem Buch stand, im Waggon sonst niemand saß und die Sonne so traurig unterging.

 

Der Zug fuhr nach Verona, die Dämmerung senkte sich, und ich sagte mir das Gedicht immer wieder auf. Ich war von seiner Bewegung erfasst, die zur Bewegung der Reise und zur Stunde passte, ich spürte, wie es mich zog, aus dem Zug, aus dem Spätsommer, aus dem eigenen Körper hinaus in eine Ferne, die innere, eigene, die ich doch auch kannte (sonst hätte ich sie nicht herauslesen können). Und zu ihr kam und gehörte die äußere Ferne, die Weite und Fremde der Welt. Und ich spürte, wie es strömte, und wie der Strom mich halb umspülte, halb erfasste, und ich in seiner Mitte stand.

 

Diese Worte müsste man vertonen, müsste die Musik strahlen lassen, schwellen, in Schichten und Schichten von Klang übereinander, mit vollem Ton beginnen, der sich breitet, brennend wird, flimmert, in die Tiefe führt und schließlich zu inniger Ruhe kommt. Und hinter diesem Bogen des Klangs würde stehen:

 

Und wenn mich am Tag die Ferne
Blauer Berge sehnlich zieht,
Nachts das Übermaß der Sterne
Prächtig mir zu Häupten glüht:

 

Alle Tag’ und alle Nächte
Rühm’ ich so des Menschen Los;
Denkt er ewig sich in’s Rechte,
Ist er ewig schön und groß.

 

Ein einfacher Gedanke, der auf zwei Bilder folgt: er ist uns selbst so fern. Den Glauben an die Vervollkommnung der menschlichen Gaben haben wir verloren; und wann lassen uns die Fernen, vor denen wir so klein sind, ein solches Glück fühlen: dass wir so sehr in die Schönheit dieser Welt gehören wie Sterne, wie Berge…?

 

Wir haben uns so sehr von ihnen getrennt und dadurch gerade das verloren, was Goethe zwischen die Zeilen setzt. Er überschätzt die Menschen nicht: weder in uns noch in der Welt siedelt er Schönheit und Größe an, sondern im Werfen der Blicke und in der Bewegung des Geistes, die ihnen folgt. Es zieht uns und glüht. Von unserem Sehen, Fühlen, Sehnen können wir ausgehen.

 

 

Ich war sechzehn und war allein nach Amerika gereist, hatte aus dem Zugfenster, als wir in Trenton, New Jersey, lange auf der Eisenbahnbrücke hielten, den Sonnenuntergang über dem Delaware gesehen und wie erschrocken – körperlich – gespürt: das ist die Weite Amerikas – und hatte mich in die schier endlose Dunkelheit gedacht, die nicht zum nächsten Dorf reicht, zur nächsten Stadt, nicht nach Böhmen oder Brabant, sondern über Berge und Ströme und in die Prärie, durch das fremde Land, weiter und weiter – wie ein Bild von Frederic Edwin Church – und war dann durch die Nacht zurückgeflogen, von Washington nach Amsterdam. Die Sonne ging auf. Und über das Flugfeld ging mein Blick auf Wälder und einen Kirchturm, und die Wolken türmten sich frisch und satt am blauen Himmel auf wie auf einer Landschaft von Ruisdael, mit Flugzeugen im Vordergrund.

 

Ich hatte zwei Stunden Zeit vor dem Anschluss nach Berlin, saß für mich da und hörte Schumanns Mondnacht aus dem Eichendorff-Liederkreis. Die Erinnerung blieb mir, weil sich damals etwas in mir mischte: die Reise, der Morgen, mein Für-mich-sein, und wie das Klavier auf das Wort “spannte” hin das Motiv der Einleitung spielt:

 

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt’.

 

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis’ die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

 

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

 

Das ist ein Ort, den zu erreichen wir nur hoffen können. Die Sehnsucht aber weiß, dass er verloren ist. Wie ginge es anders: ist er erreichbar, hört er auf zu sein. So jedenfalls spricht das Gefühl, es wird schon recht haben, und der Weg, den die Seele fliegt, ist bloß ein erträumter. Und wie ich in Amsterdam saß, den Blick auf die Landschaft gerichtet, und Amerika nachhallte, war ich auf mich verwiesen, wie das Gedicht auf eine Stelle weist, nicht auf einen Weg. Wir stehen der Ferne gegenüber, die unsere Sehnsucht ist, und träumen, wie die Landschaft träumt, und bleiben und wandern und werden nicht ankommen, aber wer weiß.

 

Alles an uns ist begrenzt, aber das Herz ist so weit wie das Land. In dieser Landschaft unserer Tage ist auch noch Heimat irgendwo eingezeichnet, an einer Stelle im Hintergrund, hinter Wipfeln, so wie eine Stadt auf alten Bildern auf einen Hügel gesetzt ist, zu dem kein sichtbarer Weg führt.

 

 

Es war noch früh und ich lief über die menschenleeren Pflasterstraßen des 8. Arrondissement, folgte dem Anstieg unter den Platanen, Sandstein überall. Die Straßen liefen im Zickzack wie von einer Reißbrettsonne zur nächsten, Sterne auf allen Seiten. Da lief das Sternengitter in einem weichen Platz aus, mit einem Café unter orangener Markise, gegenüber standen Villen, und zwischen ihnen das Schmucktor als Eingang zum Parc Monceau.

 

Ich kam in den Park. Hier war ich schon früher einmal oft gewesen, hatte den Spaziergängern nachgeblickt und gelesen: Ein junges Mädchen, das ist wie ein Stern: / die ganze Erde dunkelt ihm entgegen… Nun war ich wieder hier und fast für mich allein, und ging die Runde, und ein blondes Kind wurde auf einem Pony vorbeigeführt, und ich fühlte so wenig, war so taub geworden, als starrte alles in die Leere, vor der ich doch so sehr wegzuspazieren hoffte, fort bis nach Paris. Ich setzte mich auf die Bank gleich beim Denkmal des ersten Fallschirmsprungs, nahm das Reclam-Heft mit Rilkes Sonetten an Orpheus aus der Manteltasche und las:

 

Zwischen den Sternen, wie weit; und doch, um wie vieles noch weiter,
was man am Hiesigen lernt.
Einer, zum Beispiel, ein Kind…und ein Nächster, ein Zweiter –,
o wie unfaßlich entfernt.

 

Schicksal, es mißt uns vielleicht mit des Seienden Spanne,
daß es uns fremd erscheint;
denk, wieviel Spannen allein vom Mädchen zum Manne,
wenn es ihn meidet und meint.

 

Alles ist weit –, und nirgends schließt sich der Kreis.
Sieh in der Schüssel, auf heiter bereitetem Tische,
seltsam der Fische Gesicht.

 

Fische sind stumm…, meinte man einmal. Wer weiß?
Aber ist nicht am Ende ein Ort, wo man das, was der Fische
Sprache wäre, o h n e sie spricht?

 

Der Weg ist unermesslich, und dann liegt er überall, führt auch gerade durch uns hindurch, durch unser Glück und unsere Ängste, durch Verstehen und Missverstehen, und es ist ein Schrecken an ihm, und auch die Sehnsucht ist rätselhaft geworden, indirekt, unausgesprochen, als wäre gar nichts mehr wirklich sagbar. Und dennoch sagt Rilke das alles – mit Freude. Las ich das Sonett traurig, blieb es rätselhaft, las ich es mit Glück, begann es zu singen.

 

Die Ferne ist nichts, was wir begreifen, sie ereilt uns, wenn wir sie zu überwinden glauben, sie taucht in der engsten Nähe auf, unter uns, wie der Tod der stummen Fische, der für uns zwar Leben bedeutet, und doch immer auch Vergänglichkeit war. Der Schrecken ist wirklich, es führt kein Weg an ihm vorbei, das wusste Rilke, aber er wusste doch eine Überwindung, eine sicher nur schwer erkäufliche, diese Flucht ins Sein: Glück an der Ferne, Glück an der Fremde, und Glück an ihrem uns nicht zugänglichen Geheimnis, dem wir uns doch in Rätselworten stellen.

 

Von den Fischen meinen wir, sie hätten keine Sprache, weil wir vergessen, dass auch wir selbst noch neben unseren Worten, Meinungen, Handlungen andere Sprachen haben, die wir nicht hören. Wir meiden und meinen und merken dabei nicht, dass wir zum Instrument werden eines Unaussprechlichen in uns.

 

Liegt am Ende des Wegs in die Ferne dann also der Ort der Sprache der Fische? Der Ort, an dem auch unsere ungewussten Sprachen gesprochen werden, ob mit, ob ohne uns? Dann wäre Ferne doch bloß vorübergehend unfassbar, und so sehr Rilke das Unüberbrückbare jeden Augenblicks in die Sprache bringt, schließt er den eigenen offenen Kreis im Glück des Gedankens, dass auch das Entfernteste und Unmerklichste ein Ort ist wie ein anderer auch, aber verwandelt.

 

 

Drei Begriffe von Ferne, die wie drei Bewegungen sind, oder Landkarten, oder vielleicht wie Flüsse unseres Glaubens, die uns – aus uns selbst hinaus – in die Weite führen: die Ferne liegt in unserem Blick, und wohin er reicht, gehen auch Wege.

 

Das sind Wege des Geistes. Der Geist, den wir entwickeln, verwandelt den Menschen und verwandelt die Welt. Und die Gedanken, die uns die Dichter als Vorschlag geben, sind Bilder, die wir noch gar nicht erschlossen haben: das Ewige des Schönen, die verlorengegangene Heimat, der Ort der ungehörten Sprache…

 

Einmal ist der Raum ausgefüllt, den die Ferne uns ins Gefühl legt: für Goethe ist sie die innere Weite, die zu durchwandern der Mensch geboren ist. Sie gehört ihm. Dann wird der Mensch ein Wanderer, für den Vergangenes und Kommendes hinter den Wipfeln liegen, in einem Raum, der sich nur noch mit Träumen füllen lässt, als sei der Mensch, rastlos, sanft, empfindsam, vor allem zum Träumen geboren.

 

Schließlich steht der Mensch vor dem Geheimnis, und spürt, wie sehr er selbst zu ihm gehört, selbst Geheimnis ist – und das ist kaum anders, als wenn er an der Größe und Schönheit der Welt teilhat oder am Traum, den die Erde selbst träumt… Es ist kein Zufall, dass Dichter so denken. Das Gedicht über den Ort am Ende der Ferne wird doch selbst zu ihm.