Erinnerung an die Schatzalpbahn

 

Wenn der Weg auf die Schatzalp schmal und schlingernd wird und zwischen den hohen Tannen das Dach des Sanatoriums in Sicht kommt, findet man den Ort mit wenig Mühe wieder. Hier, wo unter dem großen Bau der kleine Bach fließt, standen früher die gusseisernen Pfeiler mit ihren Podesten aus Sandstein. Sie trugen die alte Schatzalpbahn auf dem Weg von der Station Sanatorium hinüber zum gläsernen Tunnel, der die Bahn mit den anderen Erdteilen verband und dessen Eingang heute verschwunden ist.

 

Und hier, im Bogen um das Sanatorium, wo die Bergbahn nach Davos-Platz hinuntergeht, war die Station, wo sich die beiden Strecken – auf dem hohen Viadukt über das Tal, und als sogenannte Wendeltreppentrasse hinunter – teilten. Es ist von der alten großen Schatzalpbahn wirklich kein Pfeiler, kein Stein, kein Meter Strecke auch nur zu erahnen, so sehr ist dieser, wie ich irgendwo las, kühnste Traum europäischer Ingenieurskunst nicht nur ausgeträumt, verblasst, demontiert, sondern tatsächlich in einen bloßen Traum verwandelt worden, wie eben nur Träume sind, wirklich und unwirklich zugleich.

 

Wenn man vor dem Sanatorium an der Bergbahn steht, und der Trasse mit dem Blick ins Tal folgt, dann kann man auch den Blick heben zum Gipfel gegenüber, und sich, in einer geraden Linie, das gewaltige Viadukt in die Vorstellung rufen, das von hier aus einmal das ganze Tal überbrückte, in stetem Anstieg, um die Schatzalpbahn über den fernen Gipfel zu führen.

 

Man stelle sich die Winternacht vor, in deren heilloser Mitte ein Zug auf dem Viadukt liegenblieb, hoch über der Erde, so dass die Reisenden in ihren Betten, durch den Ausfall des Stroms ihrer Heizung beraubt, bei Anblick des prächtigen Sternenhimmels (denn die Wolken lagen weit unter ihnen) binnen weniger Stunden erfrieren mussten.

 

Ich kann nicht sagen, liegt es in der Natur des Erinnerns, gerade am Unheil festzuhalten, liegt es an der merkwürdigen Geschichte vom Fluch, der über dem Bau der Schatzalpbahn lag, aber es sind die Unglücke und Unfälle unterschiedlicher Art, die das verblassende Bild der ehemaligen Bahnstrecke eigentlich prägen.

 

Schließlich war es auch der letzte und fürchterlich schwerste Unfall, der kurz vor den Schüssen von Sarajewo zur Stilllegung und zum völligen Rückbau der ganzen Schatzalpbahn und ihrer Verzweigungen führte. Dieser Rückbau, die Beseitigung aller Spuren, wurde mit einer Geschwindigkeit geleistet, die noch beeindruckender und rätselvoller bleibt als der Bau selbst. Wie war er überhaupt möglich, und wer vollbrachte die erstaunliche Arbeit?

 

Vom Sanatorium ist der direkte Abstieg nach Davos-Platz ausgeschildert. Ich folge dem Weg in die Schlucht unterhalb der Schatzalp, in die düsteren Schatten der hohen Tannen, über deren Spitzen bald, in einiger Entfernung, das Sanatorium mit dem goldenen Schriftzug ›Schatzalp‹ wieder sichtbar wird. Es ist ein seltsam bleicher Märchenanblick wie auf einer Kubin-Zeichnung, und Stimmen scheinen durch den Wald zu wandern, oder besser gesagt: das Rauschen des Waldes scheint in mir eine einzige, sanfte und leidende Stimme zu wecken, die mich zurückführt ins Jahr des großen Absturzes.

 

Sie lag in den Kissen und hatte die Augen geschlossen, ihre Beine reichten gar nicht auf den Boden des Abteils. Und gegenüber saß der Stoffbär Gruff mit seinem Bärenkoffer. Auch Gruffs Koffer trug an einem kurzen Band das Papieretikett, auf dessen gepunkteten Linien der Agent in London gewissenhaft eingetragen hatte: Mr. Gruff, Ostende to Burma.

 

Der Zug der Schatzalpbahn stand hellerleuchtet an der Station Sanatorium, er war schon leicht verspätet. Ein seltsames Zittern der Trasse, das mit singenden Lauten einherging, die nicht nur die Trassenarbeiter, sondern auch einige Wanderer unterhalb der Strecke schon in den Nächten zuvor deutlich wahrgenommen hatten, war der Grund der verzögerten Weiterfahrt. Die technische Aufsicht an der Station Sanatorium, die von diesem ›Singen‹ in Kenntnis gesetzt worden war, hatte den ganzen Abschnitt zu prüfen. Es kam bei der Prüfung aber nichts heraus, weil das Zittern und auch das ›Singen‹ der Trasse schon unmittelbar vor der Prüffahrt gänzlich aufgehört hatten. Weder an der Trasse selbst, noch am Stützwerk, noch an der hydraulischen und magnetischen Mechanik konnte irgendein Defekt festgestellt werden.

 

Der Stoffbär Gruff saß in den Kissen mit dem eleganten Signum der Schatzalpbahngesellschaft und blickte traurig mit seinen braunen Knopfaugen in die Leere, als der Zug sich schließlich lautlos in Bewegung setzte. Es ging von der Schatzalp in der Wendeltreppenschleife ins Tal hinunter. Langsam neigte sich der Zug in die kilometerlange Kurve. Und das Mädchen, das sich in die Kissen geschmiegt hatte, hörte im Schlaf den Beginn einer leichten, leisen, unendlichen Melodie, und hörte sanfte Intervalle, obwohl der Grundton gar nicht wechselte.

 

Gusseisen, Sandstein, Eichenbalken, Glas und zwölf Waggons der Schatzalpbahn fielen ins nächtliche Tal. Die Strecke, die doch auf tausend festen Pfeilern stand, stürzte in sich zusammen und riss Unmengen an Fels und Geröll in einer gewaltigen Stahllawine mit sich. Innerhalb weniger Herzschläge wurden die Waggons des Zuges zerdrückt.

 

So endete die letzte Fahrt der Schatzalpbahn. Über die Ursache der großen Materialermüdung, die so kurz vor dem Weltkrieg zum Absturz der Wendeltreppentrasse führte, ist nie etwas bekannt geworden.

 

Während meines Abstiegs von der Schatzalp bleibe ich einige Male stehen, setze den Fuß auf einen der Steine am Bachrand und schaue mich in der schönen, unberührten Landschaft um. Die Tannen ragen hoch in den Himmel, aus dem es leicht zu regnen beginnt. Wanderer auf dem Weg nach Davos sagen mir im Vorübergehen ihr Grüezi.

 

Bald nach der Einweihung der kleinen Gedenkkapelle am Fuß der Schatzalp beschloss der Direktor, blass, müde, gebrochenen Vaterherzens, den Abriss der Bahn. Als die Kapelle kurze Zeit später diesen Abrissarbeiten im Weg war, wurde auch ihrem Abriss stattgegeben. Sie ist nicht wiederaufgebaut worden.