Hagia Sophia

 

Über dem Meer liegt mein Garten, in seinen Schatten sitze ich. Ich habe den Teller beiseite geschoben, sein Goldrand funkelt nicht. Von jenseits des Meeres leuchtet das Gold mir noch manchmal in die Träume hinein…

 

Dort, wohin die fernen Schiffe ziehen, liegt Konstantinopel.

 

Ich war ein kleiner Junge in den Straßen der einzigen Stadt. Sie gehörte mir mehr als dem Kaiser. Ich, der in den Gassen sprang, schritt durch die hohen Hallen zum Saal, in dem der Kaiser mit meinem Vater Baufragen besprach. Im Palast funkelte alles von Gold. Aber in den Läden auf den Gassen hing überall glänzendes Blech, und jetzt in der Ferne glänzt es mir mehr als die Schätze des Kaisers und das Gold aller Kirchen.

 

Im klaren Licht des Morgens funkelte das Meer unter mir, zahllose Schiffe lagen kreuz und quer, ihre Segel leuchteten auf der glitzernden Flut. Ich stand auf dem Gerüst der großen Kirche, die der Kaiser von meinem Vater neu bauen ließ. Mein Vater ließ mich Aufseher sein, und ich nahm den Dienst ernst, lief über das Gerüst von Stockwerk zu Stockwerk und blieb bloß ganz oben stehen, um auf die Stadt und über das Meer zu sehen.

 

Ich stand allein in der Höhe, dicht am Himmel, während die Bauleute frühstückten. Irgendwo im Schatten der hohen Mauern konnte ich sie reden hören. Und das Licht der Morgensonne floss vom Himmel und breitete sich über der Stadt aus, und die Kirchenglocken läuteten und mischten sich mit dem Rauschen der Rufe und dem Wagenrollen zum Grundklang der Welt…

 

Da schwand jeder Ton, ein fremder Wind kam auf. Plötzlich waren die Bauleute verstummt, und auch die Wagen fuhren nicht mehr. Und entlang des Runds der halbgeschlossenen Kuppel kam mir ein Mann entgegen. Er trug ein geschmücktes Ornat.

 

Er war so schön und sah fast heilig aus, und seine Blicke trafen mich, als hätte er mit beiden Händen meinen Arm gefasst, um mich zu führen.

 

„Bei der heiligen Weisheit, mein Junge“, sagte er, „warum bist du allein auf dem Gerüst? Wo sind die Arbeiter? Sie müssen doch ganz schnell weiterbauen, die Kirche ist ja erst halbfertig!“ „Sie frühstücken“, antwortete ich. Der Mann lächelte. „Dann lauf jetzt zu ihnen und hol sie her. Ich passe so lange für dich auf.“

 

Ich war so glücklich, als ich die Leitern hinabsprang, die erste, die zweite, die dritte, die vierte, immer tiefer bis auf die Erde zurück. Ich lachte, als ich um die hohen Mauern lief, zum Hof, in dem die Bauleute frühstückten. Und strahlend erzählte ich es dem Vater.

 

Dann sprangen die Worte glücklich um sich, die Arbeiter liefen lärmend durcheinander. Ich wurde auf Händen in den Palast getragen. Stolz und atemlos stand ich im Saal und der Kaiser hörte meine Geschichte.

 

Der Kaiser saß im Purpurgewand und lachte mit mir und zwinkerte mir zu. Dann wurde er sehr ernst. Er ließ hohe Herren zu sich kommen. Eine große Tafel wurde gedeckt. „Jetzt sollst du erst einmal frühstücken“, meinte der Kaiser zu mir.

 

Rinder, Schafe, Hirsche und Schweine, heißt es, zahllose Hühner und Hähne brachte der Kaiser den alten Göttern dar, um seine Kirche zu weihen. Im vierten Jahr meines Exils erfuhr ich von dem großen Brandopfer. Der Kaiser war, so hörte ich weiter, unter vierzigtausend Kerzen in den Riesenraum getreten. „Salomon“, rief er, „ich habe dich übertroffen.“

 

Ich war reich beschenkt worden, der Kaiser hatte mich bei der Hand genommen, ein Priester dabei seinen Segen über mich gesprochen. Und mein Vater hatte schweigend neben der Szene gestanden. Es waren auch Wachen für mich herbeigerufen worden. Ich durfte ja nicht wieder auf das Gerüst hinauf.

 

Am selben Abend noch trug mich ein Schiff auf Geheiß des Kaisers über das Meer, im Licht der Abendsonne lag Konstantinopel. Die hohen Wände der Kirche und ihre halbgeschlossene Kuppel standen still und friedlich da. Ich sah ihr lange nach. Dann kam die Nacht und löschte auch den letzten Glanz aus.

 

Wenn ich die Augen schließe, sehe ich meine kleinen Schwestern noch im Hof unseres Hauses spielen. Sie haben ein Holzschiff mit dem Kiel in den Sand gegraben, und hölzerne Kämme liegen umher, eigentlich gehören sie der Mutter. Ich sehe noch das Haar der Schwestern und das Lächeln der Mutter, aber ich sehe keine Augen mehr.

 

Ich sehe nur die Augen des Mannes, der strahlend und sanft zu mir kam, um mich in heiliger Einfalt nach den Arbeitern zu fragen. Von Vater und Mutter träume ich auch manchmal, und der Kaiser ist ein böser Geist in meinen Träumen, der nachts im Palast umherläuft und bei Tisch den vollen Teller unberührt beiseite schiebt.

 

Schwarz lagerten die trauernden Wolken am Himmelsrand, als die Nachricht vom Tod des Kaisers zu mir kam. Von meinen Schwestern kam vor vielen Jahren einmal ein Brief, der Vater sei tot. Vom Tod der Mutter habe ich nie erfahren, und bin wohl selbst schon längst für tot erklärt worden. Ich bin sehr alt und werde immer älter.

 

Von meinem Platz unter den Bäumen des Gartens blicke ich hinaus über das Meer. Zu meiner linken liegt Athen, und weiter rechts Thessalonike. Aber drüben weit im Nordosten liegt der Eingang zu den Dardanellen, und durch sie führt der Weg der Schiffe nach Konstantinopel.

 

Das Meer liegt mal still, mal unruhig unter meinem Garten. Den Teller habe ich beiseite geschoben. Ein Engel, heißt es, bewacht die Kirche der Heiligen Weisheit. Vielleicht passt er so lange für mich auf, bis ich zurückkehre.