Am 27. Februar 1854 sprang Robert Schumann, der große romantische Komponist, in Düsseldorf von der Rheinbrücke, um sich das Leben zu nehmen. Bootsleute retteten ihn. Bald danach wurde er in die Klinik von Dr. Richarz in Endenich bei Bonn eingewiesen, aber sein Selbstzerfall war nicht mehr aufzuhalten. Im Sommer 1856 starb Schumann mit nur 46 Jahren.

 

Am Tag seines Selbstmordversuchs war Karneval in Düsseldorf, und auf ›Schumann in Düsseldorf‹ tauchen Karnevalsfiguren neben der Figur Schumanns auf, die, einsam in der Menge, sich vielleicht auf dem Weg zur Brücke befindet. Aber ›Carnaval‹ heißt auch ein wichtiger Klavierzyklus von Schumann, der 1834/35 entstand. In 23 Stücken, die sich “gegenseitig aufheben” (Schumann an seine Frau Clara), spiegelt Schumann im karnevalesken Panorama seiner Umwelt die eigenen widersprüchlichen, widerstreitenden Persönlichkeitsanteile.

 

Schumann, der sich zeit seines Lebens die Frage nach dem so bedrohten Selbst stellte, unterlag schließlich den Stimmen, die er hörte, und der Angst, gegen die er keine Dämme mehr halten konnte. Aber als Meister der Ambivalenz des menschlichen Lebens und “Meister der Kehrseite jedweder Medaille” war Schumann zuvor in der Lage gewesen, sein Inneres mit allen seinen Facetten in seiner Kunst sichtbar zu machen.

 

Ich setze Schumann als Protagonisten der Ambivalenz ein, die er nicht nur leben musste, sondern in seiner Musik untersuchte und immer wieder aufhob. Für mich verbindet sich das Schicksal und die Kunst Schumanns mit den Fragen, die ich in mir und in meiner Umgebung wiederfinde: Fragen an die Integrität der Persönlichkeit, an unsere Identität in der Welt und ihre Bedrohung durch psychische Konflikte.

 

Dabei stand für mich nicht die Verzweiflung jenes Tages im Februar 1854 im Vordergrund, die Schumann zum Sprung in den Rhein bewogen haben muss. Ich habe stattdessen an eine Frage gedacht, die der siebzehnjährige Schumann in sein Tagebuch schrieb, und die mich an Hamlets Monolog erinnert: “Wenn ich mein ganzes Leben durchgehe, so bleib ich fast immer bei der Frage stehen: bist du’s oder bist du es nicht…?”