Auf Chardins späten Stilleben sehen die toten Wesen aus, als schliefen sie. Einmal, bevor ich selbst sterbe, muss ich das Musée de la Chasse in Paris besuchen und das Musée de Picardie in Amiens. Dort schlafen Chardins Kaninchen den Tod der sanften Natur. Ist sie nicht die oft übersehene Quelle unseres Glücks? Chardin muss es gewusst haben. Vielleicht wird nicht nur ein Künstler, sondern ein Mensch dann glücklich, wenn er die eine Sache lernt, für die er am besten eingerichtet ist. Auch Der Rochen ist kein grausames Bild an sich, und Das Büffet kein prunkendes: die toten Kaninchen aber, mit denen man vielleicht nicht in die Akademie und den Louvre aufgenommen worden wäre, sind gutherzig gegenüber Grausamkeit und Prunk unseres Lebens und liegen sanft an seinem Ziel. Das Verhältnis von Mensch und Kaninchen wird schnell neben lärmenderen Szenen vergessen, deshalb weiht Chardin uns ein. Zumindest einmal sollte man darüber nachgedacht haben, dass zwischen Mensch und Kaninchen viel liegt… Ein anderes Jagdbild, mit zwei Kaninchen und einem Fasan, erwähnt Diderot: Chardin soll es nie beendet haben, weil ihm die Kaninchen verwesten und er keine anderen fand, die den richtigen Ton trafen, sie waren ihm entweder zu braun oder zu hell. Stellt dieses Farbproblem nicht genug Fragen im Angesicht des Todes? Als gäbe es zu viele stille, sanfte Rätsel, um überhaupt einen Schreck zu bekommen. Und jedes Kaninchen ist einmalig… Auf dem Bild im Musée de la Chasse liegen einem Kaninchen zwei Drosseln auf dem Bauch: eine hat den Kopf, die andere ihre Füße auf den Kaninchenleib wie auf ein weiches Bett gelegt. Ein Bild des Friedens. Die Fantasie, es seien drei Gefährten, die bloß ausruhen, ist fast da: fast, weil doch ständig deutlich ist, dass sie nicht leben. Das Bild ist in Erdtönen gehalten, es gibt noch ein paar Flecken Blut, aber vom Dunkel, das die Szene einschließt, bis zum leuchtendhellen Bauch des Kaninchens in ihrer Mitte ist die ganze Weglänge da, von Weiß zu Schwarz, von Schwarz zu Weiß…